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Von einer Stadt, die wieder aufsteht, Aalkörben …
  • Von einer Stadt, die wieder aufsteht, Aalkörben …
von Barbara Bader
(Kommentare: 3)

 

Auf dem Weg nach Christchurch machen wir einen Abstecher zu den Moeraki Boulders. Kugelrunde Steine könnte man meinen. Tatsächlich sind es aber sogenannte Konkretionen, ein unregelmäßiges, häufig rundlich gestaltetes Mineralaggregat. Die grau gefärbten Septarien liegen einzeln oder in Gruppen an der Küste. Durch die Erosion des hier anstehenden Schluffsteins und den Wellengang werden hier fortwährend weitere Kugeln freigelegt. Ein spannender physikalischer Prozess und für Geologen bestimmt eine Reise wert.

Mir gefällt allerdings, wen wundert es, die dazugehörende Geschichte der ansässigen Mãori viel besser. Nach deren Legende sind die Boulders Reste von Aalkörben, Flaschenkürbissen und Süsskartoffeln, die im Wrack des legendären Kanus Arai-te-uru an den Strand gespült und in Steine verwandelt wurden. Andere glauben, es handle sich um versteinerte Dinosauriereier, die bis in die Zeit Gondwanas zurückreichen, aus dem Neuseeland entstanden ist. Diese zunächst abwegige Hypothese fand AnhängerInnen nachdem in der Umgebung echte Dinosaurierfossilien entdeckt wurden, darunter die eines Mosasauriers und eines Plesiosauriers aus der Kreidezeit! Herrlich! Und: Se non è vero, è ben trovato!

Die Bilder gingen damals um die Welt: Christchurch, die größte Stadt der Südinsel, nach dem Erdbeben vom 22. Februar 2011. Das Beben der Stärke 6,3 traf die Stadt mit voller Wucht. 185 Menschen starben, ganze Straßenzüge verschwanden. Selbst die Wahrzeichen hielten nicht stand: Die Kathedrale verlor ihren Turm, ein hohes Gebäude mitten in der Stadt stürzte ein und riss über hundert Menschen in den Tod. Als wir 2013 Christchurch besuchten, spürte man trotz vieler hoffnungsvoller Projekte eine Art Leere. Auch standen noch viele beschädigte Häuser, und überall begegneten uns Schilder mit „Betreten verboten, Lebensgefahr“. Ganz gut erinnere ich mich an die zerstörte Kirche. So ein Bild vergisst man nicht mehr.

Während unseres ersten Spaziergangs nach unserer Ankunft kommen wir aus dem Staunen nicht heraus. Wir schlendern durch eine neue, hochmoderne und irgendwie etwas künstliche Stadt. Wir entscheiden uns, am nächsten Tag einen Free Walk zu buchen. Das ist eine Stadtführung, durchgeführt von Studenten, welche einem nicht unbedingt die klassischen Sehenswürdigkeiten, sondern eher ihre Lieblingsorte der Kultur und Geschichte ihrer Stadt zeigen. Wir lernten, dass fast 80 Prozent der alten Bausubstanz abgerissen wurden. Menschen suchten neue Wohnungen, Unternehmen neue Orte, ganze Viertel verschoben sich. Einige Gegenden verödeten, andere boomten. Mieten stiegen, soziale Spannungen nahmen zu. Gleichzeitig entstanden auf den Brachen unerwartete Ideen: Containerläden, temporäre Parks, Kunstprojekte, und zwischen den Trümmern entstand kreative Energie. Selbst eine Kathedrale aus Karton wurde zum Symbol eines Übergangs.

Das sind die sogenannten Mirror.  Riesige Bilder an den Wänden der zerstörten und heute auch der erhaltenen Gebäude

 

Die Planung der neuen Stadt begann mit Hoffnung. Tausende BürgerInnen beteiligten sich an „Share an Idea“ und entwarfen gemeinsam eine Vision: ein kompaktes, lebendiges Zentrum, grün, fußgängerfreundlich, verbunden durch den Avon River. Eine Stadt für ihre Bewohner. Leider wurde diese Idee nicht konsequent umgesetzt. Sam, unsere Stadtführerin, erklärt uns, dass die Regierung alsbald die Kontrolle übernahm, grosse Teile der Bürgerpläne verwarf und sie durch einen zentral gesteuerten Masterplan ersetzte. Der Vorwurf der studierten Umwelt- und Politikwissenschafterin ist, dass somit eine Stadt entstand, die eher interessant ist für Investoren als wie ursprünglich vorgesehen für die Menschen. Wir fanden, dass man beide Teile erkennen konnte, und dennoch blieb ein bisschen Resignation zurück, dass ein so modernes und ambitioniertes Projekt, mit Einbezug der BürgerInnen eine neue Stadt zu bauen, nicht wirklich zustande kam. Geld regiert die Welt. So ist es nun mal. 

Memorial Wall (hier stehen alle Namen und Kosenamen der Opfer)

Nach dieser Lektion sehnen wir uns nach Bewegung und Spass. Unsere Reisezeit auf der Südinsel geht dem Ende entgegen, das Fährticket ist gebucht, was mal wieder eine reine Glückssache war, und wir sind schon voller Vorfreude, denn unsere Freunde Wiebke und Ralf von der Flora haben ihre Arbeiten am Schiff abgeschlossen, und wir können eine gemeinsame Reisezeit auf der Nordinsel planen. Vorerst buchen wir eine Unterkunft in Motueka. Dieser Ort liegt am Rande des Abel Tasman Nationalparks, und natürlich gehen wir als erstes wandern. Über Stock und Stein und durch dichten Regenwald. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen, allerdings wurden unsere Köpfe tüchtig ausgelüftet.

Schon während der ganzen Reise ist uns aufgefallen, dass ungewöhnlich viele sehr alte und vor allem sehr schöne Fahrzeuge einfach so über die Insel düsen. Wir lesen, dass am Wochenende das „Vero International Festival of Historic Motoring 2026“ stattfindet. Wir freuen uns über eine ungewöhnliche Abwechslung im Reiseplan und fahren hin. Es hat sich gelohnt, seht selber:

Deux Chevaux

Ford 1910

Ford Roadstar 1930

Land Rover

Die beiden sind echt!

Von den gesprächigen Oldtimer-Besitzern, die allesamt im höheren Alter sind, erfahren wir, dass es deshalb so viele alte Autos in Neuseeland gibt, weil es bis in die späten 1970er Jahre schlicht praktisch keinen Import gab. So wurde den alten Autos Sorge getragen, und bis heute erhalten diese ohne Weiteres eine Strassenzulassung.

Nach diesen fröhlichen Tagen machen wir uns auf nach Picton zur Fähre und auf die kurze Reise zurück auf die Nordinsel.

Von Shiraz und kühlem Sauvignon Blanc, einer Radtour durchs Schlaraffenland und über den Anfang unserer Seglerträume erzähle ich euch schon bald im letzten Teil unserer Reise durch das Land der weißen Wolke.

 

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Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Mücke Kraft |

Liebe Lille Venn´s,

wieder ein so inspirierender Artikel - alles ganz neu für mich, grossartig.

Ich freue mich schon auf die folgenden Berichte.

Un abrazo,

Mücke

Kommentar von Sunahla Nicola Sthioul |

Wie immer eine Freude Deinen Reisebericht zu lesen! Ich finde die Wanderstöcke stehen Dir hervorragend ????. Mit frühlingshaften Grüssen aus Tschugg

Kommentar von Moni Lü |

Liebe Barbara

Vielen Dank, dass du dir wieder die Zeit genommen hast und uns mitreisen lässt und deinen unterhaltsamen und informativen Bericht mit Bildern unterlegt hast!
Herzliche Grüsse euch Beiden
Moni und Frank

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